„Phänomenale” Leistung gegen Norwegen – „Nicht von dieser Welt“: Deutschland verneigt sich vor Torwart-Gigant Wolff

Die deutschen Handballer rücken einer ersehnten EM-Medaille immer näher. Am Samstagabend gelingt im zweiten Hauptrundenspiel gegen Norwegen ein 30:28 (15:17), wodurch das DHB-Team seine „Todesgruppe“ mit 6:0 Punkten anführt.

Vor 10.117 Zuschauern ist Rückraumspieler Marko Grgic mit sieben Toren bester Werfer. Bundestrainer Alfred Gislason lobt Grgic hinterher für eine „wirklich starke Leistung – ich glaube, dass es der Turnier-Durchbruch war. Wenn er nach so einer Leistung kein Selbstvertrauen bekommt…“

Keinen ausgerufenen Turnier-Durchbruch und schon gar kein Extra-Selbstvertrauen braucht indes ein anderer: Torwart Andreas Wolff, der eines der besten Spiele seiner Karriere hinlegt. Und das will bei Wolff – schon 2016 im Kasten, als das DHB-Team den EM-Titel holte – wirklich etwas heißen.

Deutsche Handballer verneigen sich vor Wolff: „Noch nie eine bessere Torwart-Leistung gesehen“

Surreale 22 Paraden zeigt Wolff gegen Norwegen, zur Einordnung: Eine zweistellige Zahl ist im Handball bereits beachtlich. 44 Prozent gehaltene Bälle blinken am Ende in Wolffs Bilanz, es ist eine Fabel-Vorstellung des Keepers.

Entsprechend lang und prominent gerät die Liste derjenigen, die sich vor Wolff verneigen.

ZDF-Experte Sven-Sören Christophersen: „Ein Mann stand nicht nur im Vordergrund, sondern vor allem im Weg. Eine unfassbare Partie. Andi hält uns am Anfang im Spiel und gibt ganz viel Sicherheit. Großartig!“

Tom Kiesler: „Ohne ihn hätten wir nicht gewonnen. Ich habe noch nie eine bessere Torwart-Leistung gesehen – und er ruft das ja von Spiel zu Spiel ab. Einfach unfassbar.“

Renars Uscins: „Wenn man so einen Torwart hat, dann darfst du nicht verlieren. Das ist nicht von dieser Welt und wirklich überragend, wie er uns mit seiner Qualität den Rücken freihält.“

Juri Knorr: „Danke an Andi, er hat überragend gehalten. Gerade am Anfang der zweiten Halbzeit. Gefühlt hat er von der rechten Seite kein Tor kassiert und uns wirklich den Arsch gerettet.“

Johannes Golla: „Wir haben das Glück, dass wir einen ganz guten Torhüter haben (schmunzelt).“

Gislason: „Eine phänomenale Leistung von Andi. Er hat das Spiel nicht allein gewonnen, aber er hat uns gerettet. Die Abwehr war super.“

Wolff erklärt sein irres Norwegen-Spiel: „Bewegungen teilweise zu früh“

Wolff selbst analysiert das Spiel im ZDF-Interview nüchtern, fast unterkühlt: „Wir wollen eine gute Defensive spielen, sehr variabel, und das machen wir.“ Aber wie ist das denn, dieser totale Flow, berauscht vom Gefühl, dass alles an einem abprallt wie die verzweifelten Würfe der Norweger?

Wolff nickt. Und erklärt: „Man macht sich keine Gedanken mehr, was man als Nächstes tun wird. Man schaut sich einfach den Gegner an, macht Bewegungen teilweise ein Stück weit zu früh, schafft es aber auch noch, diese Bewegungen zu korrigieren.“

Der Weltklasse-Wolff: 1,98 Meter groß, furchteinflößend bärtig, gekleidet im grellgelben Trikot.

Allerdings wissen die deutschen Handballer bei aller Euphorie genau, dass das Norwegen-Spiel kein Meisterstück ist – sondern eine gutklassige Darbietung, die in dieser Form nicht ausreichen wird gegen Kontrahenten vom Kaliber Dänemark (Montag, 20.30 Uhr) und Frankreich (Mittwoch, 18.00 Uhr).

Deutsche Handballer haben jetzt „zwei Matchbälle“, wahlweise sogar „zwei Finals“

„Die eine oder andere Szene hat mich nicht begeistert“, bestätigt der böse Wolff. „Hier und da ein bisschen fehlende Cleverness, vorne wie hinten. Wir stehen in der Tabelle sehr gut da, aber jetzt kommen zwei der drei besten Mannschaften der Welt. Da müssen wir insbesondere im Angriff eine Schippe drauflegen.“

Gegen Norwegen sei zu spüren gewesen, „dass wir im Angriff schwer Lösungen gefunden haben“, weiß Uscins. „Kein optimales Spiel, absolut nicht“, konstatiert auch Knorr. „Aber jetzt haben wir zwei Matchbälle.“ Fürs Erreichen des Halbfinals nämlich. Golla spricht gar von „zwei Finals“.

Am Montag werden wieder alle auf Andreas Wolff schauen. Die Deutschen, besonders die Dänen. Kürzlich kündigte der 34-Jährige an, bis Olympia 2032 weitermachen zu wollen – dann wäre er 41. „Eine sehr, sehr gute Idee“, sagt Coach Gislason dazu. „Er ist sehr fit, ein Trainingstier. Wenn er gesund bleibt, kann er bis 50 spielen!“

Für alle Angreifer dieser Handballwelt klingt es wie eine Drohung.