Nach ihrer Flucht aus der DDR gelangte Erika Fischer nach Stuttgart. Sie prägte über 65 Jahre den Aufbau des dortigen Rechenzentrums, von den ersten Lochstreifen bis zur neusten KI-Fabrik. Ein Porträt.
Marta Popowska
12.09.2026, 05.30 Uhr
Erika Fischer mit dem Univac 1107, einem der ersten Grossrechner.
PD
Erika Fischer hatte schon immer ein Händchen fürs Planen. Sei es, als sie 1961 ihre Flucht aus der DDR vorbereitete, sei es, als sie die Infrastruktur für die Höchstleistungsrechner an der Universität Stuttgart plante.
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Fischer steht nicht gern im Rampenlicht, umso lieber zieht sie die Fäden im Hintergrund. «Ich bin immer sehr niedrig geflogen. Wir waren zu Hause neun Kinder. Meine Kindheit hat mich geprägt. Dass man sich einordnet, dass man für andere mitdenkt.» In ihren 65 Jahren Berufsleben erlebte und prägte die heute 87-Jährige den gesamten Einzug der Grossrechner in die Universität: von Lochkarten bis hin zum ersten Höchstleistungsrechenzentrum Deutschlands.
Das Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrum (HLRS) hat rosa, gelbe und blaue Wände und goldverspiegelte Decken in den Gängen. Pop-Art-Architektur im Inneren eines Gebäudes mit wegweisenden Maschinen. Pechschwarz ist dagegen die Schleuse, durch die Erika Fischer führt. Zutritt nur mit Chipkarte. Sie geht an der Wand mit den Gehörschutzkopfhörern vorbei, obwohl hinter der zweiten Tür eine ohrenbetäubende Kulisse wartet.
Die Lüftungen des Hochleistungsrechner-Clusters «Vulcan» erinnern an Flugzeugtriebwerke. Weiter hinten verarbeitet der Supercomputer «Hunter» leise, da wassergekühlt, unzählige Daten hinterher. Er wurde im Januar 2025 als Zwischenlösung installiert. Draussen, direkt neben dem Gebäude, wächst mit dem HLRS III die Zukunft. Die «AI Factory» wird bald den noch grösseren Höchstleistungsrechner «Herder» sowie den «HammerHAI» beherbergen. Erika Fischer hat die Gebäude mitgeplant.
Sie wollte zum Wetterdienst. Das klappte zum Glück nicht
Ihr Gespür für zukunftsweisende Maschinen beweist Fischer früh. Im April 1961 stellt Professor John Argyris die junge Frau als Programmiererin und Wartungstechnikerin am Stuttgarter Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen ein. Die 22-Jährige ist erst wenige Monate zuvor aus der DDR geflohen. In Weimar betreute die gelernte Technikerin für Meteorologie das Versuchslabor für Studierende an der Bauhaus-Universität. «Eigentlich wollte ich zum Wetterdienst. Das hat aber nicht geklappt. Im Nachhinein ein grosser Glücksfall», sagt sie.
Kurz vor dem Mauerbau beschliessen sie und ihr Mann, aus der DDR zu fliehen. «Wir wollten nicht noch mehr eingesperrt werden», sagt sie. Also plant Fischer die Flucht. Sie weiss, dass sie die Westzone passiert, wenn sie mit der S-Bahn von Potsdam nach Berlin fährt. Man kann unterwegs aussteigen und in einen Bus hüpfen, ohne dass Grenzbeamte einen ausfragen. Zur Tarnung besorgt ihnen eine Bekannte Opernkarten für Ostberlin. Das Paar nimmt die Bahn-Bus-Strecke und steigt in Westberlin aus. «Schade um die Opernkarten», sagt sie noch heute und lacht.
Eigentlich wollten die Behörden die beiden wie viele Geflüchtete aufs Land schicken, doch das wollten diese nicht. «Ich hatte einen Bruder in Stuttgart. Der arbeitete beim Bau des Binnenhafens mit. Ich habe dann gesagt, der könne sich um uns kümmern.» So kamen sie nach Stuttgart.
Die ersten grossen Rechner faszinieren Fischer sehr
Es ist nicht nur die Zeit des Kalten Krieges, sondern auch die der ersten grossen Rechner. Was die junge Frau mit dem englischen Ferranti Pegasus am Institut antrifft, ist mit heutigen Rechnern jedoch nicht vergleichbar. Informationen werden auf Magnetbändern gespeichert. «Die Rechner bestanden aus einschichtigen Platinen, wo die Widerstände und Kondensatoren herausgelötet werden konnten», erinnert sie sich. Die Fehler sucht sie mit dem Oszillografen.
Tagsüber besucht Fischer Lehrgänge zu der Maschine, nachts im Bett studiert sie Betriebsanleitungen und Schaltpläne. Ihre Kollegen bauen als Übung Fehler in den Rechner, die sie finden soll. «Mich hat das alles unglaublich interessiert.» Wie funktioniert der Rechner? Wie bekommt sie ihn schnell wieder hin, wenn er kaputt ist?
John Argyris braucht den Ferranti Pegasus für Berechnungen. Er hat die Finite-Elemente-Methode mitentwickelt, bei der komplexe Bauteile am Computer in Millionen kleine Teilstücke zerlegt und berechnet werden. Der stromfressende Röhrencomputer speichert Daten auf einer Magnettrommel, die 25 KByte fasst. Das entspricht heute der Grösse einer einfachen Word-Seite oder von zwei simplen Emojis. Tastaturen existieren nicht, Daten werden über Lochstreifen aus Papier eingelesen.
Ab 1963 werden die Rechner wissenschaftlich relevant
Als ab 1963 mit dem Univac 1107 und dem CDC 6600 die ersten Grossrechner kommen, ist Fischer längst «Spezialist auf dem Gebiet der Informatik», wie in einem Arbeitszeugnis von damals zu lesen ist. Nun werden die Maschinen für die Forschung interessant. Bislang waren sie bessere Taschenrechner, doch der CDC 6600 knackt erstmals die magische Grenze von 1 Megaflops, also einer Million Fliesskommaoperationen pro Sekunde.
Damit werden komplexere wissenschaftliche Berechnungen möglich, die Meteorologen, Astrophysikern und der in Stuttgart renommierten Luft- und Raumfahrttechnik in der Simulation neue Dimensionen eröffnen. Fischer betreut die Infrastruktur, kümmert sich um die Wartung und um Notfälle. Mitte 1965 wird sie Mutter. Fallen Rechner nachts aus, nimmt sie ihren kleinen Sohn in einer Tasche mit und stellt ihn neben die Konsole.
Dass sie in diesen Pionierzeiten ausnahmslos unter Männern gearbeitet habe, sei kein Problem gewesen. Im Gegenteil: Ihre Kollegen sammelten anfangs Geld für sie, einer schenkte ihr sogar ein abgelegtes Auto. Denn nach der Flucht besass Fischer nichts. «Auch bei der Arbeit hatte ich nie das Gefühl, benachteiligt zu werden, nur weil ich eine Frau bin.»
Fischer ist keine, die wartet, bis man ihr etwas anbietet oder nachträgt. Zu Beginn der 1970er Jahre leitet sie die Abteilung für den Rechnerbetrieb. Sie baut das Rechenzentrum mit auf, betreut Benutzer, Personal und Ressourcen und beaufsichtigt die Infrastruktur. Bemerkt sie, dass Kollegen ungerecht behandelt werden, marschiert sie auch ohne Termin in das Büro des Kanzlers der Universität. «Wenn ich sehe, dass etwas nötig ist, habe ich keine Hemmungen, das zu vertreten.»
Bereits 1963 findet sie, die Rechenzeit sollte nicht verschenkt werden, und führt Gebühren dafür ein – sowohl für Industriekunden als auch für Forschende. Denn Supercomputer kosten viel Geld. Etwa die Cray-2, die man 1986 für 48 Millionen D-Mark kaufte. Es ist der damals beste Rechner der Welt und die Stuttgarter Universität die erste in Europa, die sich ihn leistet. Heute steht er als Ausstellungsstück im Foyer des HLRS. Er ist kaum eineinhalb Meter hoch und damit im Wortsinn eine kleine Revolution. Ein günstiges Smartphone ist um Welten schneller.

Erika Fischer will erst in Rente gehen, wenn das neue Höchstleistungsrechenzentrum (HLRS) in Betrieb gegangen ist.
Max Kuehl
Jedes Positionspapier für das HLRS ist von Fischer verfasst
1998 beginnt Fischers «Baukarriere», wie sie es nennt. Der damalige Institutsdirektor Professor Roland Rühle erzählt ihr: «Wir installieren demnächst einen Rechner für 70 Millionen.» Fischer fragt, wo er den denn hinstellen wolle. Na, hier ins alte Rechenzentrum. Es ist Fischer, die sofort erkennt, dass dieser aufgrund des immensen Energiebedarfs von einem Megawatt und der massiven Abwärme nicht mehr in den alten Räumlichkeiten betrieben werden kann. Also kommt entweder ein Neubau, oder die Zukunft des Supercomputings in Stuttgart endet.
Bis heute wissen Forschende am Institut, dass das 1996 gegründete Höchstleistungsrechenzentrum (HLRS) ohne Fischers Einsatz vermutlich nie gebaut worden wäre. Jedes der zahlreichen Positionspapiere ist von ihr verfasst. Sie trieb den Bau des HLRS voran, als aufgrund eines Direktorenwechsels ein kurzes Machtvakuum entstand und sich niemand traute, Entscheidungen zu treffen. Sie sagt dazu: «Es gab nichts ausser den Willen von mir: Ich brauche ein Haus. Wenn man sich dahinterklemmt, kann man etwas erreichen.»
Der amtierende Direktor Michael Resch nannte sie zum 65-Jahr-Berufsjubiläum Mrs. Supercomputing.
Er sagt: «Ich kümmere mich darum, dass bezahlt wird, sie darum, dass gebaut wird.» Für das neue HLRS III bedeutet das rund 178,6 Millionen Euro. Es beherbergt die nächste Generation Supercomputer, die der Forschung ab 2027 schrittweise zur Verfügung stehen werden. Der Höchstleistungsrechner Herder wird 180 Millionen Mal so schnell sein wie die historische Cray-2. Das System HammerHAI ist dazu gezielt auf maschinelles Lernen ausgerichtet.
Damit wird Stuttgart eine der ersten europäischen Fabriken für künstliche Intelligenz (KI). Europäische Forschende und Unternehmen werden hier sensitive KI-Modelle lokal in Deutschland trainieren, anstatt auf die Cloud-Infrastrukturen von amerikanischen Firmen wie Microsoft oder Google angewiesen zu sein. So will man den Zugriff auf die eigenen Daten sichern.
«Da war immer etwas Neues. Darauf möchte man ungern verzichten»
Die Entwicklung von KI sieht Fischer als «folgerichtig und notwendig». Nur müsse der Einsatz kontrolliert geschehen. Über Jahrzehnte hat sie die positiven Seiten neuer Computertechnologien erlebt. Sei es die Entwicklung immer genauerer Wettersimulationen für zuverlässigere Vorhersagen oder ein hochpräzises Prognosemodell für die Corona-Pandemie. Auch senkte das HLRS gemeinsam mit dem Hersteller den Strombedarf des Supercomputers durch eine eigene Steuerungssoftware, ohne die Rechenleistung zu beeinträchtigen.
Dass KI auch ihr die Arbeit erleichtern könnte, weiss sie. Doch die 87-Jährige nutzt sie noch nicht, obwohl stets viele Aufgaben auf ihrem Schreibtisch liegen, die sie auch am Wochenende erledigt. Dazwischen nimmt sie sich Zeit für Gespräche und nach Feierabend für einen Rundgang durch den Rechnerraum. Warum macht sie noch immer so viel, statt etwas abzugeben? «Weil es einfach immer Spass gemacht hat. Wenn ich die Liste der Rechner angucke, dann war immer etwas Neues, Interessantes da. Darauf möchte man ungern verzichten.»
Im Umfeld von Fischers Sohn laufen Wetten, wer zuerst in Rente geht. Sie oder er. Das Rennen wird wohl ihr Sohn machen, der im kommenden Jahr zu arbeiten aufhört. Fischer möchte noch dabei sein, wenn das HLRS III in Betrieb geht.
Nach dem späten Rundgang durch den Rechnerraum geht sie wie jeden Abend zur Baustelle und prüft, ob die Arbeiter das Tor geschlossen haben. Sie denkt an alles. Nur nicht ans Aufhören.






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