Wie ist der Stand der Baustellenrepublik Deutschland, warum ist es für Kassenpatienten so schwer, einen Facharzttermin zu bekommen, gibt es genug Ladesäulen für E-Autos? Fragen aus unserem täglichen Leben, die es im „Wahrnehmungsranking“ mit ihm kaum aufnehmen können: Donald Trump.
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Der US-Präsident begegnet uns auf allen Kanälen – wir gehen mit ihm schlafen und wachen morgens beim Blick auf die Nachrichtenseiten mit ihm auf. Jüngst versprach er einen „Friedensgipfel“ mit dem russischen Kriegsverbrecher Wladimir Putin in Budapest. Zwei Tage später kassierte er dieses Versprechen, dann schickte er Bilder von Abrissbaggern an seinem Amtssitz um die Welt. Egal was er tut, er landet damit immer in den Top-News.
Ein Trommelfeuer an Nachrichten
Und wir? Staunen, reiben uns verwundert die Augen, kommen kaum hinterher bei diesem Trommelfeuer an Nachrichten. Die meisten dieser Informationen haben geringere Halbwertzeiten als das chemische Element Technetium, das nach sechs Sekunden zerfällt. Vergeuden wir also unsere wertvolle Lebenszeit?
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Trumps mediale Präsenz hat durchaus eine gewisse Berechtigung – es geht ja um nicht weniger, als um den autoritären und autokratischen Umbau der USA.
Joseph Vogl,: Medienwissenschaftler, zur Zeit Princeton University
„Trumps mediale Präsenz hat durchaus eine gewisse Berechtigung – es geht ja um nicht weniger, als um den autoritären und autokratischen Umbau der USA“, ist der Kultur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) überzeugt, „natürlich sind die täglichen Attacken auf Rechtsstaat, Gewaltenteilung, unabhängige Behörden, politische Gegner berichtenswert“.
Vor allem habe Trump medial dazugelernt. „Im zweiten Anlauf funktioniert das nun besser mit der bewährten Taktik von shock and awe“ (sinngemäß: Schock und Furcht), einer vor allem militärisch bewährten Taktik, bei der durch den Einsatz schneller und massiver Gewalt der Gegner auch psychologisch überfordert werden soll.

Laut Vogl käme noch hinzu, dass das „Management“ von Trumps Maga-Bewegung („Make America Great Again“) auf „plebiszitäre Ermächtigung“ setzte, „auf Dauererregung und eine soziale Mobilisierung durch das Schüren von Feindseligkeit“ – wie übrigens auch jede andere rechtsnationale Bewegung.
Das Volk in „ständiger Siedehitze“ halten
Es ist das, was der Historiker Götz Aly in seiner jüngsten Analyse der Machtergreifung Hitlers („Wie konnte das geschehen“) mit einer Politik wie auf Speed umschrieb, das Volk durch ein Feuerwerk immer neuen Entscheidungen in „ständiger Siedehitze“ zu halten, wie Joseph Goebbels das nannte.
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Ein Vergleich, dem der Medienwissenschaftler Vogl ausdrücklich zustimmt: „Ja, das gehört sicher zu den diversen Analogien zwischen damals und heute.“ Mit dem feinen Unterschied, dass die digitalen Medien heute ein ideales Schnellfeuergerät zu diesem System beisteuerten, welches der Trump-Vordenker und Rechts-Ideologe Steve Bannon einst mit „Flooding the zone with shit“ umschrieb – die Zone mit Scheiße überfluten. Eben so viel Müll zu verbreiten, bis die Öffentlichkeit gar nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden kann.

Eine Bemerkung übrigens, die ein ganz anderes Gewicht bekommt angesichts eines jüngst vom Präsidenten geposteten, KI-generierten Clips, in dem es Trump mit Königskrone im Cockpit eines Kampfflugzeuges Scheiße regnen lässt – auf die geschätzten sieben Millionen Teilnehmer der „No Kings“-Demonstrationen, die US-weit am 18. Oktober gegen Trumps Amtsanmaßungen demonstrierten.
Was bei seinen Anhängern und einigen Tiktok-Usern vielleicht für Heiterkeit sorgt, ist in Wahrheit Ausdruck einer moralischen Verkommenheit und einer tiefsitzenden Verachtung gegenüber dem Teil der Öffentlichkeit, der ihn kritisch sieht. Doch das scheint die Maga-Ideologen nicht zu stören. Denn es geht um Aufmerksamkeit, um mediale Dominanz, nicht um Zustimmung.
Boom, ich drücke ab, und zwei Sekunden später heißt es: Wir haben eine Eilmeldung!
Donald Trump über seinen medialen Einfluss
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„Schon in seiner ersten Amtszeit sagte der Präsident über das damalige Twitter: ‚Boom, ich drücke ab, und zwei Sekunden später heißt es: Wir haben eine Eilmeldung‘“, erläutert Vogl. Das hätte man jetzt perfektioniert.
Der Person Donald Trump als omnipräsentem Medien-Phänomen sei dabei von Anfang an eine Schlüsselrolle zugekommen. Demnach sei es laut Vogl darum gegangen, „die mit viel Geld und Medienmacht entfachte Tea-Party-Bewegung nach 2008 an die Republikanische Partei zu binden.“ Dazu hätte es eines Verbindungsstücks bedurft, „einen Unterhalter aus dem Showbusiness, der über Ausländer, mexikanische Grenze oder Jobs in China herumschwadronieren kann und die Leute direkt im Verdauungstrakt packt“, so der Medienwissenschaftler unter Berufung auf Bannons Analyse. „Man habe in Trump diesen Typ endlich gefunden und mit seinem ‚Naturell‘ schlicht eine wichtige politische Vakanz besetzt – den Posten für die Flutung der Medien mit Dreck“, so der Autor des Buches „Meteor. Versuch über das Schwebende“. (C. H. Beck 2025)
Man lässt es einfach geschehen
Tatsächlich bemerke man „in den USA sogar einen interessanten Trägheitseffekt: Viele Leute sind dieses Nachrichten-Bombardements müde, wollen nichts mehr wissen und lassen das Desaster einfach geschehen“, so Wissenschaftler, der sich gerade in den USA aufhält.
Vor allem „soll der schnelle Takt von Dekreten bzw. Executive Orders, den Rechtsweg erschweren und das Justizsystem aushöhlen“ ist Vogl überzeugt. Denn: „Während angesichts all der Klagen gegen die präsidialen Rechts- und Verfassungsbrüche die Mühlen der Gerichte langsam mahlen, werden schlicht Faken geschaffen. Es geht um die Beseitigung juristischer Widerstände gegen die Anhäufung exekutiver Gewalt“, so Vogl, der bis 2023 an der Berliner Humboldt-Universität lehrte.
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Plattformen wie Facebook oder X haben ja schon seit den letzten Wahlen die Überprüfung von Inhalten abgeschafft, Links zu verlässlichen Nachrichtenportalen gekappt, Konten von Kritikern gesperrt.
Joseph Vogl,
Medienwissenschaftler, Princeton University
Mit dieser Flut von Nachrichten hat es die Trump-Administration geschafft, den einst ambitionierten Anspruch, Fakten zu checken, längst kollabiert ist. „Plattformen wie Facebook oder X haben ja schon seit den letzten Wahlen die Überprüfung von Inhalten abgeschafft, Links zu verlässlichen Nachrichtenportalen gekappt, Konten von Kritikern gesperrt“, präzisiert Vogl. „Und seit zwanzig Jahren erforschen Wissenschaftshistoriker, wie die Produktion von Nichtwissen kommerziellen Interessen dient, etwa am Beispiel von pseudowissenschaftlichen Gutachten gegen die Gesundheitsrisiken beim Rauchen oder gegen die Tatsache des Klimawandels“, so der Medienwissenschaftler.
Zu jeder Meinung eine Gegenmeinung
Dieses Prinzip setze sich im aktuellen Kampf gegen Universitäten, Statistikbehörden, wissenschaftliche Expertisen fort. Vogl: „Die Ausweitung von Ignoranzzonen ist ein effizientes politisches und ökonomisches Programm. Und das heißt: Zu jeder Meinung gibt es eine Gegenmeinung und am Ende gewinnen die meisten Likes.“
Um zu verstehen, warum Trump und sein Umfeld die öffentliche Debatte so dominant beherrschen, und zwar auch, als der New Yorker nicht im Weißen Haus wohnte, muss man zu den Ursprüngen des Trumpismus zurückkehren: Im Jahr 2004 wurde der damals 58-jährige Immobilien-Tycoon, der gerüchteweise annähernd pleite, Moderator eines Quotenrenners auf NBC, der sich The Apprentice (Der Auszubildende). In 14 Staffeln der Reality-Show ging es den Kandidaten darum, sich dem Boss in diversen Vorstellungsgesprächen für einen mit 250.000 US-Dollar dotierten Einjahresvertrag in einem Trump-Unternehmen zu empfehlen. Was konsequenterweise meistens mit dem Satz endete: „You’re fired!“
Geburtsstunde des Medienphänomens Trump
Trump lernte, wie man die Öffentlichkeit gewinnt, eine Reality-TV-Öffentlichkeit, keine New Yorker Bildungselite. Vor allem musste er so sein, wie er eben ist: größenwahnsinnig, chauvinistisch, hämisch, impulsiv, unbeherrscht – das kam an! Es war die Geburtsstunde des Medienphänomens Trump.
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Die Medien waren die Wellen, auf denen Trump bildhaft besprochen bis ins Weiße Haus surfte. Heute meidet, belehrt, gängelt er sie – schließt einen Großteil von ihnen von der Pressearbeit seiner Regierung aus.
Vergangene Woche waren bereits neue Beschränkungen für den Zugang von Journalisten zum Pentagon in Kraft getreten. Neuester Dreh: Mitarbeiter der Trump-Administration wie Karoline Leavitt, Sprecherin des Weißen Hauses, antworteten auf eine ernst gemeinte Frage eines Journalisten mit Bezug zum Ukraine-Krieg mit „Deine Mutter war’s“. Ein Journalist hatte gefragt, wer entschieden habe, dass ein mögliches Treffen von Trump und Kremlchef Wladimir Putin ausgerechnet in der ungarischen Hauptstadt Budapest stattfinden solle. Ähnlich antwortete ein Pentagon-Sprecher auf die Frage eines anderen Journalisten.
Auch nach Jahren als globales Medien-Phänomen schafft es Trump, zu überraschen, staunend, empört und ratlos zu machen, aber auch zu unterhalten – wieso schleift sich da nichts ab?
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Warum wird weiter jede Bemerkung von Trump kommentiert, interpretiert? „Wäre er der Fürst von Monaco, würde man sich die Mühe des Kommentierens und Interpretierens wohl sparen und Rat eher im klinischen Fach suchen“, ist Vogl überzeugt. „Aber er befiehlt die größte Militärgewalt der Welt, und ein solcher Machtüberschuss muss zwangsläufig hermeneutische Notlagen provozieren: Was will er uns sagen? Welcher Sinn könnte in all dem Unsinn stecken? Wird es schon wieder Ärger geben?“, so der Medienwissenschaftler.
Allerdings warnt er davor, „die präsidialen Äußerungen für bare Münze zu nehmen, denn dann schrumpft ihr Wert gegen Null“. Vogls Empfehlung: „Man sollte mit dem Herumdeuten aufhören, sich auf rein gar nichts verlassen, sich aber auf alles gefasst machen.“









